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Das sind keine Bratwürste …

… , das sind Waffen! Naja, wir wollen mal nicht gleich übertreiben und lassen die martialische Kriegsrhetorik raus. Auch, wenn uns diese Bratwürste dringend empfohlen und als Waffen beschrieben wurden. Interessanter war allerdings der Waffenhändler, respektive der „Metzger des Vertrauens“, der uns so wärmstens an Herz gelegt wurde.

Wir waren neu in dieser Stadt, die sich voller Stolz den Slogan „Born in Borna“ auf das Ortsschild schreibt. Optisch hat die Stadt nix zu bieten, halt eine ehemalige Tagebauhochburg. Nachdem der Braunkohletagebau wegen seiner Landschaftszerfräsung eine allgemeine Ächtung erfahren hat und weil der Braunkohle emissionsbedingt das gleiche Schicksal zuteilwurde, blieb von den glorreichen Zeiten nur noch der Ort übrig. Tausendsechshundertsiebenundfünfzig Quadratmeter schöner Ortskern und ein Wohnhäusertankstellenzufahrtsstraßenkrebsgeschwür außen rum. Und wir und der Hunger mittendrin.

Wo kriegt man was auf die Backen, wenn man den Lidlparkplatz links liegen lässt und einen die Backshop-Mafia nicht wirklich anlacht? Bei Anthony Bourdain gelesen und gleich umgesetzt: Ein hungriger Slow Foodie ist ein Junkie. Ein Suchtler.Er schnüffelt und wühlt und geht dahin, wo er seinen Stoff bekommt. Und er fragt Andere, die irgendwie auch nach Junkie aussehen. Und die uns weiterschickten mit der messerscharfen Beschreibung: „Die Straße runter, bis zu der leichten Linkskurve, dann links in den Laden rein. Isnüschtzufofählen!“. Stimmt! Eine vertraute Metzgereifachgeschäftaußenwerbung, ein Schaufenster, ein paar Menschen drin und der Charme eines bis an die Decke gekachelten Raums – Yes, that’s it!

Im Laden drin merkt man dann sehr schnell, dass die hier alles Geld in die Qualität ihrer Ware investieren. Für den Laden an sich bleibt eher weniger übrig. Gut so; designte Ex-Metzgereien mit dem zweifelhaften selbstgegebenen Prädikat „Feinkost – Partyservice“ verkaufen in der Regel das, was man überall bekommt. Einheitsschmeck. Suchen Sie nach Indikatoren für Metzgerhandwerk. So wie wir: Ein Scannerblick durch das Ladenlokal. Da hängen fein säuberlich aufgereiht echte luftgetrocknete Würste! Erkennbar an dem stark eingeschrumpelten Äußeren, also luftgetrocknet mit Gewichtsverlust und nicht nur warm angeföhnte Industrieware. Und dadurch richtig gereift, das sagte uns der Abbiss. Da ist nichts Säuerliches drin, kein schlechter Odem nach Starterkultur und Chemie. In der Auslage tummeln sich zusätzlich etliche Spezialitäten auf Blutbasis, Speckwürste und Konsorten. Und Grützwurst! Diese leider bei uns im Süden der Republik seltene Preziose, die sich so vortrefflich mit Zwiebeln und Kartoffeln braten lässt! Weiters eine Brotsalami, für die es im Deutschen diesen absolut passenden emotionalen Fachausdruck „Goil!“ gibt. Salamigeschmack in Deutsch, Fettaugen, kein Zahnseidegefühl im Mund, wenn das schnellgereifte Fett die Zahnzwischenräume findet. Und dieses Schätzelein produziert der wahnsinnige Metzger ab und zu auch mit Dry-Aged-Stoff. Die sei dann nicht zu toppen, sagen die lokalen Junkies.

Abgerundet wird das Sortiment durch diverse Ware im Glas sowie richtige Streichwurst. Im Naturdarm, emulgatorenfrei, geräuchert oder nicht, mit Fettnasen dran. Mein Gott – mit Fettnasen! Wie früher! Die kann mit Brot – muss aber nicht. Und dann hauchen noch diese Bratwürscht ein leises „Kauf mich!“ über den Tresen. Haben wir gemacht, schon deshalb, weil sie ungebrüht waren, gefüllt mit fast feinem Brät und kräftig abgeschmeckt mit Kräutern. Die gab’s daheim frisch aus der Pfanne, beim Braten angestochen, mit gutem Teint außenrum, dazu just Mostrich. Da war es wieder dieses „Kann mit Brot, muss aber nicht“. L-E-C-K-E-R!

Und auch das Einkaufen wurde zur Freude in diesem Laden, durch eine Person, die man immer so abfällig als Metzgereifachverkäuferin betitelt. Mit ihr konnten wir uns einfach nur unterhalten, sie konnte alles erklären und sie wusste vor allem, was drin ist in der Wurst und auch, was nicht drin ist, weil es nicht reingehört. Nix mit „Die kann man braten“ oder „Das ist Weltmeisterbrühputenwurst mit Omegadreifettsäuren“. Ein grundsolides Thekengespräch gab’s für uns. Warum nur bekommen das andere Metzgereien nicht mehr hin? Mal mit dem Kunden richtig fachsimpeln und auch mal klipp und klar sagen, wie man was zubereiten soll. Liebe Supermarktmetzgereienthekenbewohner: Ihr seid FACH-verkäufer und keine Folienaufschneider oder Thekenauffüller! Macht Euren Job!
Die Gute hinter unserer Theke hat uns ein Kochrezept für die Grützwurst gegeben, das sich außerhalb des langweiligen Kochbuchlateins bewegt. Wäre ich nicht neunundvierzig, dann hätte ich mitten in unserem Plausch gesagt: „Der Kleine will ‘ne Wurst!“.

Warum der Laden derartig aufsuchenswert ist? Der Mathematiker würde sagen:
„Qualität x (Ware + Personal) >> mitgebrachte Erwartungen“. Und deshalb fahren wir da wieder hin.

Fast hätte ich es vergessen: Die Menschen in Borna sind übrigens auch schwer in Ordnung.

Fleischerei Meinig
kongeniales Duo: Katrin (Inhaberin) und Markus (Metzger)
Königsstraße 2
04552 Borna

Mo Ruhetag
Di + Mi            08.00 Uhr – 18.00 Uhr
Do – Fr            08.00 Uhr – 19.00 Uhr
Sa                   07.30 Uhr – 11.00 Uhr
FAQs:
Gibt’s da auch Brühwurst? Hat er bestimmt, kennen wir aus Bayern zu Genüge, war also uninteressant.
Und Fleisch hat er auch? Na klar, ist ja auch eine Fleischerei. Interessant sind zusätzlich die paar Zeiten im Jahr, in denen eine alte Schweinerasse in der Theke liegt. Nachfragen.
Und diese unverschämten Bratwürste? Fragen Sie nach Mutzhörnchen.

Das Eibrot 2.0

Früher, ja früher, da war die Welt noch in Ordnung. Da ist man als Kind den ganzen Tag herumgesaust und hat die Welt entdeckt. Und wenn dann irgendwann am Nachmittag der Hunger einen zurück nach Hause getrieben hat, dann gab es, gerne von der Oma, ein richtig gutes Butterbrot. Wenn zufällig auch noch Sonntag war, dann wurde sogar ein hart gekochtes Ei in Scheiben draufgelegt. Und ein paar Schnittlauchröllchen darübergestreut. War das gut?!

Natürlich wurde das Eibrot im Laufe der Jahrzehnte immer wieder, nennen wir es, den gesellschaftlichen Strömungen angepasst. Mal wurde aus dem Brot eine Semmel, mal aus der Butter ordentliche Mayo. Aber es blieb immer eine gute Backware mit einem guten Belag.

Seit einigen Jahre hat sich jedoch das Essverhalten in unserer Gesellschaft stark verändert. Begriffe wie „Ernährungsbewusstsein“, „ausgewogen“, „vollwertig“ oder „gesund“ haben den guten alten und zuverlässigen Begriff „Genuss“ ersetzt. Und somit auch das Eibrot. Der eine Teil – das Brot – erlebt gerade ein Revival und somit gehört das beste Brot schon fast zum selbergebackenen Standardrepertoire des „Kerls in Dir“. Aber der andere Teil – das Ei – wurde immer mehr ins soziale Abseits gedrängt. Cholesterin ist drin und trachtet angeblich nach unserem Leben, Eier aus Legebatterien essen nur Leute, die auch in die Kirche pissen und Preise von 30 Cent für 1 (!) Ei, das ist doch Wucher. Folge: Das Ei steht in der Wertung durch den Durchschnittskonsumenten etwa auf gleicher Stufe mit Lepra, Pickel und Innereienküche.

Doch Hoffnung ist angesagt! Wir haben es wieder gefunden! Preislich richtig gut aufgestellt, in schicker Verpackung und durch modernes Marketing aber so richtig aufgemotzt. Quasi wie frisch vom Imageberater weg auf den Markt geworfen. Das neue Image heißt jetzt „moderne vegetarische Ernährung“. Und im Zuge dessen heißt das Ei jetzt nichtmehr Ei, sondern „Vegetarischer Schinken Spicker“.

Sie fragen sich, was das jetzt mit dem guten alten Frühstücksei zu tun hat? Naja, da muss man etwas nachforschen, nämlich auf der Rückseite der Verpackung. Und da steht als Hauptzutat Eiklar (65%). Und daneben steht als zuverlässiger und mengenmäßig wichtigster Begleiter das Rapsöl (13%). Der Rest der Zutaten dient mehr oder weniger dazu, dass unser Öl-Ei schnittfest ist, Farbe bekommt und nach etwas schmeckt. Das Ei 2.0 wurde erfunden. By the way: Jetzt natürlich auch unverzichtbarer Bestandteil der gesunden Ernährung. Und auch zum Lachen ist etwas dabei, also auch noch ein Ü-Ei! Man liest nämlich auch noch den Beisatz „Nach Art einer Schinkenwurst“.

Hä?? Schinkenwurst? Aber das ist doch laut „Lebensmittelbuch Fleisch und Fleischerzeugnisse“:

Lyoner, Schinkenwurst, Norddeutsche Mortadella, Pariser Fleischwurst, Rheinische Fleischwurst, Frankfurter Fleischwurst, Kalbfleischwurst, Kalb

Fleischkäse, Breslauer, Sardellenwurst

Ausgangsmaterial:

grob entsehntes Rindfleisch (1.112)

grob entsehntes Kalb-/Jungrindfleisch (1.112)

grob entfettetes Schweinefleisch (1.122)

fettgewebereiches Schweinefleisch (1.123)

Speck (1.212)

Besondere Merkmale: umgerötet; in Hüllen mit größerem oder mittel großem Kaliber

Analysenwerte:

bindegewebseiweißfreies Fleischeiweiß                              nicht unter 8 %
bindegewebseiweißfreies Fleischeiweiß im Fleischeiweiß:

histometrisch                          nicht unter 65 Vol. %

chemisch                                  nicht unter 75 %

 

 

Rätselrätselrätsel …… wo ist die Ähnlichkeit zu unserem modernen Ei 2.0 geblieben? Wahrscheinlich, rein hypothetisch betrachtet, liegt die Ähnlichkeit in der Verpackung. Der Schinkenspieker liegt in einer lebensmittelechten Folienverpackung, die Schinkenwurst steckt in einem lebensmittelechten Kunstdarm. Das muss es sein. Also irgendwie schon ähnlich. Schön, wenn man doch noch was gemeinsames findet.

Wasser an die Wand nageln

Der typische Wassergehalt einer typischen deutschen Brühwurst beträgt ca. 60g/100g Wurstbrät. Klingt nach ganz schön viel. Wenn man sich also 100 g Aufschnitt zu 1,69 € kauft, dann hat man Wasser für einen Euro mitgekauft. Das entspräche einem Literpreis von ungefähren 16,70 €. Natürlich ohne Pfand, denn an einer Wursthaut verschluckt sich jeder Pfandautomat. Und wenn man jetzt mal die Framstagsupersamstag-aktionswochenmegasuperdupergeilen Niedrigstpreise für Mineralwasser dagegenstellt – z.B. 0,20 € für einen Liter bei Netto, dann entspräche das einem Faktor von 83,5, um den das Wurstwasser teurer verkauft wird. Was für Gewinnmargen! Obwohl es doch eigentlich um Wurst und nicht um Wasser geht. Daher kommt wohl auch der böse Satz, dass ein Metzger Wasser an die Wand nageln kann.

Wieso braucht es Wasser in der Wurst? Ein kurze Erklärung: Wir leben im Land der Kaltfleischverarbeitung d.h., ein Schwein wird an einer Stelle geschlachtet (Schlachthof) und einer anderen, weit entfernten Stelle (Fleischwerk) verarbeitet. Bei o.g. Wurstpreis lassen wir den Metzger an der Ecke einmal außen vor. Und bis dahin muss es gekühlt werden – logisch. Durch dieses Kühlen und Abhängen verliert das Fleisch seine natürlicherweise vorhandene Brühwurstfähigkeit, Fett und Wasser zu emulgieren. Das bewirkt bei der traditionellen Warmfleischverarbeitung der Phosphatgehalt in der Muskulatur einer frischgeschlachteten Sau. Und weil durch die hohe Verarbeitungsgeschwindigkeit des Wurstbräts in der Industrie das Ganze erwärmt würde, gibt der Kaltfleischwurstmetzger Eis, also Wasser, dazu. Dann trennt sich nämlich das Eiweiß nicht vom Fett, sondern alles emulgiert. Und damit es auch wirklich jeder schafft, eine Brühwurst herzustellen, werden auch noch Kutterhilfsmittel zu Hilfe genommen. Das ist wie Viagra. Damit das willige, aber weiche Fleisch zuverlässig fest wird.

Ach ja, by the way: Als Kutterhilfsmittel werden Natrium- und Kalium-Salze von Essigsäure, Weinsäure, Milchsäure und Zitronensäure verwendet, die das Wasserbindungsvermögen heraufsetzen und die praktischerweise als technologische und technisch Hilfsstoffe gelten. Praktischerweise deshalb, weil sie fast alle nicht deklarationspflichtig sind. Ist das nicht schön? Die Wurst gilt als göttliches Produkt, weil nur der liebe Gott weiß, was sich darin verbirgt.

Liebe Vegetarier, Veganer und sonstige Wurstverächter jeglicher Couleur. Bevor Ihr jetzt loszieht und das hohe Lied der Wurstverurteilung anstimmt: Ruhig bleiben und am besten erst einmal vor der eigenen Haustüre kehren, denn: Wir haben ein Ersatzprodukt getestet, welches bei Edeka gelistet ist, wohl, weil es eine gute Marge verspricht. Außerdem könnte es gesund sein, weil es rein pflanzlich ist und auch die Welt ein Stückchen besser machen, da gentechnikfrei und ohne Palmöl hergestellt. Ein Wahnsinnsprodukt, dieser „Vegane Aufschnitt, rustikal“.

„Zutaten: Wasser, isoliertes Sojaprotein (9,2%), texturiertes Sojaprotein (7,2%), Rapsöl, Weizenprotein (Gluten), modifizierte Stärke E 1422 (Mais), Salz, Geliermittel Carrageen, Zucker, Gewürze, vegane Aromen, Gewürzextrakte, Citrusfasern“.

Es war, auf gut Deutsch, eine geschmackliche und texturelle Grenzerfahrung auf Wasserbasis. Fehlt nur noch der Nagel in der Wand.

WAS MACHT IHR!

Das Rätsel des Tages:

Sojaproteine (26%), Weizenproteine (26%), Weizenmehl, Wasser, Rapsöl, Sesam (4,7%), Streuwürze (Meersalz, Zucker, Zwiebeln, Karotten, Maismaltodextrin, Kürbis, Knoblauch, Pfeffer, Kräuter, Liebstöckel, Macis, Fenchelsamen), Weizenstärke teilweise modifiziert, Weizenfasern, Verdickungsmittel: Methylcellulose, Gewürze (enthält Sellerie), Erbsenfasern, Zwiebeln, Kochsalz jodiert, Hefe, Gemüsebouillon (Kochsalz, Reismehl, Pastinaken, Zwiebeln, Karotten, Olivenöl, Curcuma), Maisstärke – Was ist das?

Die Antwort ist einfach: Das ist der momentane State of the Art in der unsäglichen Diskussion über gesunde Ernährung in unserem Lande. Nämlich vegane Ernährung. Gott sei Dank palavern alle über Ernährung, denn mit Essen hatte das obige nichts zu tun. Am ehesten noch mit „Sattwerden für talentfreie Hungrige“. Und selbstverständlich passt dieses Gericht (Vegane Nuggets auf Basis von Soja- und Weizenprotein) propagandamäßig in die aktuelle Jahreszeit: Die Frühlings-Diät. Schließlich will der Körper von den Winterschlacken und den Pölsterchen der sonnenarmen Schlachtfleischsaison befreit werden. Also: vegan muss ran.

Da wir auch mitreden wollen, haben wir uns also im Supermarkt eine Packung vegane Nuggets für ein experimentelles Abendessen zu zweit besorgt. Und weil wir gerade so im tierfreien Kaufrausch waren, gleich noch eine Packung „Veganer Aufschnitt, rustikal“ dazu (kommt im nächsten Blog). Mit so einem seltsamen „Hoffentlich-bekommen-wir-eine-braune-Tüte-dazu“-Gefühl drückten wir an der Kasse hastig EUR 6,68 ab und wanderten zurück an den heimischen Herd.

Als Beilagen drängten sich ein guter Salat aus Endivie, Fenchel und Blutorange sowie selbstgemachte BBQ-Saucen (Tipp auf der Packung der Nuggets: „Dazu passt ein scharfer Dip“) auf. Für den absoluten Notfall – sollte der Geschmack den Verzehr verhindern – hatten wir noch eine Portion Spaghetti al Tonno in petto.

Also wissenschaftliche Vorgehensweise. Vakuumpack aufschneiden und riechen: Erster Eindruck nach paniertem Kartoffelpüree. Naja, wenigstens kein Komposthaufenodeur. Der rückseitige Text empfiehlt ein Erhitzen im Ofen (180°C für 12 Minuten) oder ein Nachbraten in der Pfanne hin. Wir entscheiden uns für „ab in den Ofen“. Anrichten nach 15 Minuten, dann machten die Dinger einen krossen Eindruck.

Der Abbiss: Im Mund ein Gefühl von weichen Chicken-Nuggets, Knusprigkeit stellte sich keine ein. Irgendwie lasch mit Biss.

Die Optik: Außen goldbraun, innen wie Chicken-Nuggets. Hellgrau-beige, faserig, kompakt.

Der Geschmack: Eigentlich nach nichts, am ehesten noch Kartoffelbrei. Etwas dumpf am Gaumen, deshalb ein Blick auf die Zutatenliste. Aha – 25 geschmacksgebende Zutaten verspricht die Liste, von Sesam über Salz bis Liebstöckel alles drin. Holla Sesam! Da drängte sich uns aber die Frage auf: WAS MACHT IHR!? Was macht Ihr, um den Geschmack wirklich zu vernichten. Sesam Weg! Liebstöckel? Weg! Salz? Weg! Welches Verfahren steckt dahinter? Rätselraten Und zwar gründlich. Deshalb also der Tipp mit dem scharfen Dip! Fast ein typisch deutsches Gericht, in der die Hauptzutat lediglich als Träger für die Soße dient.

Fazit: Ein Nerd-sicheres Produkt, easy to regenerate, ready to heat. Reicht mit entsprechenden Beilagen zum Sattwerden für zwei. Gesundheitswert: Fraglich, immerhin frei von tierischem Fett und Eiweiß. Laut vorherrschender Proganda schon deshalb irgendwie gesund, vielleicht. Politisch korrekt. Genusswert: Die BBQ-Saucen und der Salat waren köstlich. Die Pasta ebenfalls.

 

Vielleicht liegt das mit dem Geschmack ja an Folgendem (Quelle: http://www.patent-de.com/19880721/DE2832843C2.html vom 19.02.2016):

„Sojaprotein-Extrakte sind unter den Bezeichnungen „Sojaisolate“ (mindestens 85 bis 90% Proteine) und „Sojakonzentrate“ (70% Proteine) bekannt. Um derartige Sojaprotein-Extrakte (Isolat oder Konzentrat) herzustellen, werden üblicherweise zuerst Sojabohnen unter Herstellung eines Mehls gemahlen. Wenn die Bohnen vorher mit Hilfe eines Fettlösungsmittels, z. B. Hexan, behandelt worden sind, wird dabei ein „entfettetes“ Mehl erhalten.

Zur Herstellung eines Sojaisolats wird ein entfettetes oder nicht-entfettetes Sojamehl mit einem alkalischen Medium (pH = 7 bis 14) oder mit einem sauren Medium (pH = 1 bis 3,5) in Kontakt gebracht. Der unlösliche Rückstand wird abgetrennt und gewaschen, und die erhaltenen Waschwässer werden mit der löslichen Fraktion gemischt. Diese Fraktion wird dann neutralisiert, bis ein pH = 4,5, d. h. der isoelektrische pH-Wert der Sojaproteine, erreicht ist. Unter diesen Bedingungen fällt der gewünschte Extrakt mit einer guten Ausbeute und einer guten Spezifität aus. Die Fällung bei einem pH = 4,5 gewährleistet es, daß etwa 80 bis 90% der löslichen Proteine im Sojaisolat gewonnen werden, das dabei einen Proteingehalt von 85 bis 90%, bezogen auf die Trockenfeststoffe, aufweist. Der Rest der Trockenfeststoffe besteht aus löslichen Kohlenhydraten, Salzen und aus mit Proteinen verknüpften organischen Verbindungen. Unter diesen macht die Phytinsäure (Myoinosithexaphosphorsäure) 1,5 bis 2% der Trockenfeststoffe aus.

Ein Konzentrat wird so hergestellt, daß das entfettete Mehl mit Wasser oder einer wäßrigen Lösung mit dem pH von 4,5 gewaschen wird, und der an Protein reiche Rückstand wird vom Überstand getrennt. Die Trockenfeststoffe eines solchen Rückstands bestehen zu 70% aus Proteinen und zu 20% aus unlöslichen Polysacchariden sowie aus organischen Salzen und Verbindungen, von denen wiederum 1,2 bis 1,7% auf Phytinsäure entfallen. Die Sojaproteinfraktion enthält in beiden Fällen außerdem auch noch nicht vernachlässigbare Mengen an biologisch aktiven Proteinen, u. a. den Trypsininhibitor.“

Jeder möge sich nun seine eigene Meinung bilden.

Wir wissen allerdings nicht, ob es sich bei dem in der Zutatenliste angeführten Sojaprotein um Isolat oder eine andere Variante handelt. Aber nachdenklich wurden wir schon.

Radikal regionaler RockenRoll

Es gibt es noch, das Wort unter Männern. Es wird in unserer modernen, allzeit erreichbaren, multioptionalen Spaßgesellschaft, die vor Unverbindlichkeit nur so trieft, immer seltener. Umso wertvoller sind die Momente, in denen nach einem Telefonat eine sms eintrudelt mit dem Wortlaut „Kannst gerne mitkochen, wenn Du Bock hast“. Und er hatte Bock! Aber sowas von!

Doch von vorne: Vorausgegangen war ein Telefonat zwischen einem Geschmacksparti-sanen und Thilo Junghanns (richtig: Sankt Benno Leipzig). Eigentlich war der Anlass eine Kontaktaufnahme über Slow Food, also das übliche Sichvorstellen, WasmachstDuso, warumSlowFood, WasistbeiDirregionalusw. Doch manchmal spielt das Leben anders und man trifft am Telefon einen, der könnte der lang verschollen geglaubte, ehemals beste Sandkastenkumpel sein. Und aus dem üblichen Sichvorstellenuswblabla wurde ratzefatze ein munterer Austausch über ganze Tiere, Azubis, Sous-Vide-Garen, 14-Tage-Soßen, Selberbackenbrot. Ein Gastrotalk, der seinem Namen alle Ehre machte und der nur unterbrochen wurde, weil der eine leider an den Herd musste. Eigenes Restaurant und so. Sankt Benno Leipzig. Aber mit dem sms-Commitment, eine Gastro-Messe zu rocken.

Gesagt – getan. Am 01.11.2015 war eine Stunde lang RockenRoll mit drei Gängen, vom Herd weg in den Mund serviert: Ein Salat aus Apfel, Lollo rosso, Meerrettich, Zitrone, Schweineschmalz und roher Lachsforelle, eine Rote-Bete-Suppe mit Apfel drin und Theos Leber Berliner Art, mit Apfelspalten, Zwiebeln und wieder roter Bete. Zwei Köche, drei Gänge, 30 interessierte Gäste. Und mit Stolz können wir behaupten, dass wir die einzige Show auf dieser Messe geliefert haben, bei der das Publikum am Herd stand und aus den Töpfen raus probiert hat. So muss es eigentlich viel öfter sein.

Und deshalb gab es nach der Messe in einem Analysegespräch in der heimischen Garage (jaaa – zwischen Motorrädern, Autos, RockenRollmusik und Bier direkt aus der Flasche) einen weiteren Beschluss: Wir werden über das Jahr verteilt immer wieder mal gemeinsam „was machen“, sprich: gemeinsam kochen. Die jeweils aktuelle Show gibt es dann per Vorankündigung auf diesem Blog, auf Facebook und Twitter.

Und hier noch ein Rezept aus unserem Messe-Event: Den Salat mit Apfel und Forelle

1 Lachsforelle von ca. 500g

1 Biozitrone

4-5 Blätter Lollo rosso (Endivie oder Frisée gehen genauso gut)

2 Äpfel (Topas oder Cox Orange)

1 Daumengroßes Stück frischer Meerrettich

3-4 EL Schweineschmalz pur

feines Meersalz

Die Lachsforelle zwei Tage vor diesem Mahl schlachten, Kiemen entfernen und auf Eis legen. Das hebt nochmals den feinen Fischgeschmack.

Am Tag des Fests dann die Lachsforelle filetieren, die Haut abziehen und die Filets entgräten. Die Filets quer in schräge, große und nicht zu dünne Scheiben schneiden. Auf einem Teller sammeln, mit Frischhaltefolie abdecken und im Kühlschrank warten lassen.

Die gewaschenen Salatblätter in grobe Streifen schneiden und in eine Schüssel geben.

Die Äpfel waschen, Kernhaus ausstechen und mit der Schale in einigermaßen feine Würfel schneiden. Zum Salat geben. Die Schale der Zitrone zur Hälfte über den Apfel reiben, dann den Saft darüber pressen, mit einer ordentlichen Prise Meersalz würzen und alles gut vermengen. Die Mischung sollte eine deutliche Salznote haben.

Den Meerrettich schälen und ebenfalls über die Salatmischung reiben. Wieder durchmischen.

Den jetzt fertigen Salat in flache Servierschalen portionieren und mit 2-3 Scheiben Lachsforelle belegen.

Das Schmalz in einem kleinen Topf schmelzen lassen und dann so lange hochheizen, bis es anfängt zu rauchen. Die Lachsforellenscheiben vorsichtig mit etwas heißem Schmalz beträufeln (zischzisch!). Dann die Schose sofort servieren. Geht als Vorspeise oder einfach nur als Gaumendratzerl in kleineren Portionen.

Dazu unbedingt und immer wieder: FURT mit „Zehn“. Oder, für den Fall, dass sich die Schwiegereltern angekündigt haben sollten, „Die Forelle“ von Franz Schubert in der Einspielung des Schweizer Carmina Quartetts.

Und eine Flasche 2010er Riesling aus Deutschland mit leichter Restsüße.

Wir waren essen: Weinrestaurant Sankt Benno Leipzig

Starten wir mit Vincent Klink. „Es sind die Wahnsinnigen, die die Welt befeuern!“ hat er in einem seiner Kochbücher geschrieben. Nun denn, dann machen wir uns mal auf die Suche nach so einem Wahnsinnigen. Dies gestaltet sich in einer Branche (Gastronomie), in der jeder so tut ob, einigermaßen schwierig. Doch es gibt sie noch, die unerwarteten Eingebungen, in diesem Fall als „Sie haben Post“ im E-Mail-Eingang. In Leipzig koche einer radikal regional, heißt es da, mit abartiger Drehzahl, alleine in einer klaustrophobischen Küche. Treffer – ein Wahnsinniger!

Und so machte sich eine Karawane von Geschmackspartisanen auf den Weg, um sich inkognito (hat nicht funktioniert – sei’s drum) von diesem Wahnsinnigen bekochen zu lassen und ein paar radikal regionale Takte zu quatschen. Fazit: Wir haben mal wieder das Licht ausgemacht, mit Koch Thilo Junghanns und Geschäftspartnerin Mandy Butke und Anhang so richtig über echtes Essen gequatscht, Personalbier getrunken, gelacht, Fotos geschossen und erfahren, dass ein Koch Buchteln besser nicht selber machen sollte.

Highlights des Abends (und deshalb empfehlen wir das Lokal): Das Essen, die Getränke, die Betreuung der Gäste, das Gespräch über Stierklöten. Und noch ein paar andere Dinge.

Das Essen: Der Chef kommt aus der Küche und serviert persönlich. Nicht nur bei uns am Tisch, sondern er taucht an jedem Tisch auf, und bringt, erklärt, redet.
Der Gruß aus der Küche … extrem aromatisch … Wissen Sie noch, wie Champignons eigentlich schmecken? … Nein?… Dann gehen Sie da hin. Können Sie sich noch daran erinnern, dass es neben „Rudis-Resterampe“ auch ehrliche Kürbissuppe gibt? Mit Kürbis, Gemüsebrühe, wenig Sahne und fertig? Wir hatten an diesem Abend so eine straight gekochte Suppe. Und die Älteren werden sich auch noch an Schweinefleisch mit Eigengeschmack erinnern – der Hammer. Auf unseren Tellern tauchte ein sous-vide-gegartes Schäufela auf, vom Bentheimer Schwein. „Das ist mein Schwein“, sagte Thilo. Das stand nämlich bei seinem Bauern und durfte Sau sein, bis es geschlachtet wurde und auf den Teller kam. Und da ist ordentlich Fett unter der Schwarte. Oh – Sie wissen nicht, was Fett ist? Haben Sie nie gesehen? Schwierig – gibt es ja in unseren modernen Lebensmitteln fast gar nicht mehr. Fett, das ist eine wohlschmeckende, weiß-durchsichtige Substanz, die unter der Schweineschwarte lauert, den Mund mit einem unglaublichen Glücksgefühl füllt und dabei zart hinwegschmilzt. Ich glaube, dass trifft es am besten. Dazu braucht es noch Spitzkohl mit Apfel, Pastinakenpüree, hochkonzentrierte Sauce vom Schwein. Sonst nix. Ein Bier dazu? Darf sein, gibt’s bei Mandy auch, aber spannender ist die Weinkarte. Saale-Unstrut, Sachsen – färdsch. Deshalb lassen Sie sich getrost auf die Weinbegleitung ein, denn die beiden Anbaugebiete sind klein, man kennt sie eigentlich nicht, bringen aber Großes hervor. In unserem Fall etwa einen Dornfelder zur Sau. Ein richtig gutes Safterl, wie der Österreicher sagen würde.
Finale: Die schon erwähnten Buchteln (Rohrnudeln), gefüllt mit Zwetschgen, dazu karamellisierte Vanillesauce und Apfeleis. Müssen wir erwähnen, dass das Eis nur Elstar und Zucker war? Nein. Mehr Geschmack geht nicht. Auch nicht beim gebrannten Obst aus fast vergessenen Sorten.

Für Spezialisten, Freaks und echt Interessierte gibt’s abschließend gerne ein Gespräch über Stierklöten. Zwischen der Stall- und der Freilaufvariante eines Stiers liegen 600g. Die restlichen Details erzählt Ihnen Thilo.

Wer sollte hingehen? Gastroleute, Innereienfans, Slow Foodies, Leute, die sich auf ein sauberes, regionales Menü einlassen wollen. Die klare Geschmäcker als das einzig Wahre empfinden. Diejenigen, die es spannend finden, dass bei der Tischreservierung noch nicht feststeht, was an ihrem Abend auf den Tellern liegen wird. Und: Farin, Bela und Rod.

Tipps:

  • Wenn es brummt, dann kämpfen sie um einen von 24 Stühlen. Also: Reservieren! Und dabei schon angeben, ob Sie ein Drei- oder Viergang-Menü haben wollen. Klar gehen auch Einzelgerichte, aber wozu?
  • Sie haben eine echte Allergie oder eine wirkliche Unverträglichkeit? Sagen Sie bei der Reservierung Bescheid, man kümmert sich wirklich um Sie. Bei einer Online-Reservierung ruft Mandy Sie an, um alles abzuklären.
  • Sollten Sie per BMW M anreisen, parken Sie unbedingt direkt vor dem Lokal.

Weinrestaurant Sankt Benno
Schletterstr. 1
04107 Leipzig
Tel.: + 49 (0) 341 26440208
Homepage? Gibt’s über google

Thilo Junghanns können Sie live und unplugged erleben:

                            Radikal regional – Vortrag mit 3-Gänge-Menü
Messe „Iss Gut!“, Leipzig
01.11.2015 / 11:00 – 12:00 Uhr
Marktplatz regionale Produkte – Halle 2 Stand F18.

Die Geschmackspartisanen fahren schon hin.

Neunzehnmillioneneinhunderttausend

Die Zahl des Tages. 19100000. So viele Suchergebnisse bekommen Sie, wenn Sie bei google das Wort „Kompetenz“ eingeben. Kompetenz wird laut Duden-Online mit „Sachverstand“ gleichgesetzt; eine Person mit hohem Sachverstand hat viel Kenntnis auf einem oder mehreren Wissensgebieten. Und Wissen repräsentiert nichts anderes als den aktuellen Stand der Unkenntnis.

Das glauben Sie nicht? Nun, dann betreten Sie doch einmal mit Ihrem Wissen über Rum und Whisky die Faszination Stralsund, aus unserer Sicht der Rum- und Whiskyladen schlechthin. Nicht, dass es dort sämtliche Flaschen, Hersteller, Abfüller und kuriose Geschmacksrichtungen gäbe; dafür wäre erstens das Ladenlokal viel zu klein. Und zweitens macht ein 200m langes Regal voller Bacardi das Getränk nicht unbedingt besser. Will sagen, es macht nicht die Masse, sondern die Qualität. Ein schöner Klugscheisserspruch.

Gehen Sie also da hinein mit einer gehörigen Portion Neugier und Sie finden in dem Inhaber Horst-Dieter Pohl den aktuellen Stand Ihrer Unkenntnis. Macht aber nix. Herr Pohl zeigt weder die gern genommene Überheblichkeit scheinbar unfehlbarer Verkäufer noch begnügt er sich mit Plattitüden wie „Da habe ich genau das Richtige für Sie“. Dafür werden Sie mit Ihm eine richtige Abenteuerreise durch die Vielfalt von Rum und/oder Whisky erleben. Und dabei erleben Sie etwas, das heute leider viel zu sehr unter die Räder kommt: Sie finden nicht nur das passende Getränk sondern Sie lernen auch noch was dabei. Sie werden fachsimpeln, plaudern und manchmal auch verkosten können. Bei unserem letzten Besuch gab es sogar was aus den Top Ten der Rum-Welt. Und Seltenes aus dem Universum der Single Malts. Und auch eine absolute Rarität durften wir auch noch erleben: Den Satz „Den verkaufe ich Dir nicht. Der Geschmack dieses Whiskys ist zwar typisch für einen Single Malt aus dieser Region, aber er wäre Dir zu weich.“ Holla, ein Verkäufer mit eindeutigen, treffsicheren Aussagen. Und ja, er hatte Recht. Und Sie bekommen sogar noch Empfehlungen, wo Sie ein (warum auch immer) nicht geführtes Produkt doch noch bekommen.

Wer sollte unbedingt in dieses Geschäft pilgern? Alle, die auf eine große Auswahl fernab des Mainstreams stehen. Völlig egal, ob zum Verschenken oder Selbertrinken. Es gibt Rum (ca. 300), Whisky (auch ca. 300) und ein paar Randspirituosen. Und alles, was irgendwie mit Rum und Whisky zu tun hat. Gläser, ein Buch, schöne Flaschen, Schokolade, Stories, Berichte, Erlebnisse, Veranstaltungstipps, Probierschlucke, den Rum-Club. Gute Laune. Und den Herrn Pohl.

Faszination Stralsund Rum- und Whisky-Shop
Inh. Horst-Dieter Pohl
Wasserstraße 25

18439 Stralsund

Und nachdem wir im Abmahnungszeitalter leben, hier ein juristisch korrekter Hinweis: Namen des Geschäfts bei Ihrer Lieblings-Internetsuchmaschine eingeben, Homepage finden und erkunden. Da steht noch viel mehr.

Fischgericht mit Wellness-Faktor

Wellness macht man nicht einfach so, Wellness muss man sich verdienen. Da muss was geleistet werden vorher. Am besten mit Schweiß und Anstrengung und so. Zum Beispiel: Fahren Sie mit dem Auto durch die Magdeburger Börde. Ein schönes Land – sanft geschwungen, voll mit Getreidefeldern und deshalb gelb getüncht. Fahren Sie dazu in Kassel los, schauen Sie in Nordhausen vorbei (schöne Altstadt mit Blick auf die zwei hässlichen Türme im Flaschendesign der Nordhäuser Kornbrennerei), gondeln Sie ein bisschen durch den Harz, immer auf der Suche nach dem Norden. Und dann treffen Sie auf die Magdeburger Börde bei 36°C Außentemperatur und gleisender Sonne.

So viele gute Musik können Sie gar nicht an Bord haben, als dass das, aus bayrischer Sicht, platte Land Sie nicht langsam wegschmelzen lässt. Hitze und gleisendes Licht höhlen Ihren Kopf aus. Ganz langsam. Geben Sie nicht auf, schließlich sind Sie gerade auf dem Weg nach Plau am See. Zur Mecklenburgischen Seenplatte. SEEN! WASSER! BADEN! Genau – da hin. Aber vorher fahren Sie noch Auto. Und es ist auf gut deutsch „Scheißheiß“.

Ihr Ziel ist der Campingpark Zuruf bei Plau. Für die Angelfreunde unter den Lesern: Orientieren Sie sich vor Plau nach der Plötzenhöhe. Der Campingplatz ist eine wahre Zeltlerfreude: Beim Check In gibt’s ordentlich Info, es gibt eine Zeltwiese mit Radlständer und Sitzmöglichkeiten für die Fahrradreisenden, einen schönen Badestrand, viel Schatten (!) und eine Mischung aus Kiosk und Frittenbude. Das Personal ist sehr entspannt, macht keinen Stress beim Check In und ist freundlich. Also: Zeltaufbauen und beginnen mit dem Wellnessprogramm.

Schmeißen Sie sich in die Wellen des Plauer Sees, kühlen Sie Ihre Autoreisetemperatur auf ein erträgliches Maß runter, schauen Sie anschließend bei der Kioskbude vorbei und gönnen Sie sich ein beliebiges Abendessen. Dann schlendern Sie zur Rezeption und erwerben eine Tageskarte für zum Angeln. Hinweis: Die Karte zählt genau 24 Stunden lang ab der Uhrzeit, die Sie eintragen lassen. Zurück am Zelt richten Sie mit aller Zengelassenheit Ihre Blinkerrute für den nächsten Morgen her. Relax! Plauschen Sie mit den Zeltnachbarn. Sie sind bereits im Wellnessmodus.

Am nächsten Morgen sollte der Wecker um 05:00 Uhr klingeln. Aufstehen und ab geht’s zum Blinkerfischen. Der See bietet viele kleine Strände und Buchten, an denen Sie Ihr Angelglück versuchen können. Jedoch: Fangen Sie nichts! Das gehört zu unserem Wellnessprogramm dazu.

Nach drei Stunden kehren Sie zum Zelt zurück, frühstücken und unternehmen eine ausgiebige Radltour um das Nordufer des Plauer Sees bis nach Malchow. Dort suchen Sie sich ein Hafencafé, schauen sich Touristen an und fahren dann mit dem Dampfer zurück nach Plau. Relax! Die Gegend ist traumhaft. Sie ist kondensierte Langsamkeit mit Schilfaroma. Sie sollten jedoch vor 18.00 Uhr wieder in Plau anlegen. Denn heute werden Sie ein Fischgericht kochen.

Am Dampferanleger in Plau finden Sie das Ladengeschäft der Müritzfischer. Dort finden Sie alle Schätze, die der Plauer See und seine Nebengewässer hergeben. Bei uns waren es Barsch- und Hechtfilet, Zander, Aal, Geräuchertes und – Maränenkaviar.

Für den heutigen Abend kaufen sie

350g Barschfilet

1 kleines Glas Maränenkaviar

Im örtlichen Supermarkt erstehen Sie noch

400g vorwiegend festkochende Kartoffeln

1 kleinen Becher Crème fraîche

1 Bund Schnittlauch

1 Zitrone

Am Campingplatz-Kiosk erwerben Sie eine möglichst eiskalte Flasche Bier.

Zurück am Zelt und noch vor dem Duschen löffeln Sie den Maränenkaviar völlig dekadent mit etwas Crème fraîche direkt aus dem Glas in den Mund. Das Aroma ist für Kaviar sehr zart, leicht salzig und die Perlen platzen herrlich beim Draufbeißen. Danach sind Sie reif für die Dusche.

Erfrischt kramen Sie jetzt Ihr Camping-Kochset raus sowie einen Kocher. Sie brauchen eine Pfanne und einen Topf mit Deckel, der groß genug für die Kartoffeln ist. Als erfahrener Zeltler haben sie natürlich Salz, Pfeffermühle, Essig und Öl dabei. Ihre Frau schicken Sie zum Kiosk, damit sie eine Flasche trockenen Weißwein und zwei passende Gläser besorgt. Sie machen sich in der Zwischenzeit mit dem eiskalten Bier auf zum nächsten Dauercamper und tauschen das Bier gegen eine halbe Tasse Mehl. Und ab geht’s, es gibt

Gebratene Flußbarschfilets mit Kartoffelsalat und Schnittlauch-Crème fraîche

Zuerst waschen Sie die Kartoffeln, kochen Sie weich, schälen sie und schnetzeln sie wieder in den Kochtopf.

Während die Kartoffeln brodeln schneiden Sie den Schnittlauch in feine Röllchen.

2/3 des Schnittlauchs mischen sie unter die Crème fraîche und schmecken diese dann kräftig mit Salz, Pfeffer und Zitronensaft ab. Den Rest Schnittlauch heben Sie auf, der kommt in den Kartoffelsalat.

Den Kartoffelsalat bereiten Sie unter der Verwendung von etwas heißem (!) Wasser, Essig, Öl, Salz und Pfeffer zu. Wenn er Ihnen schmeckt, dann streuen Sie noch den Schnittlauch drüber – fertig.

Für die Barschfilets heizen sie diese unmögliche Alupfanne aus dem Camping-Kochset gemütlich vor und geben einen ordentlichen Schluck Öl hinein. Wenn es heiß ist, dann ist der Fisch dran.

Das Mehl kippen Sie in einen Teller und wenden die Barschfilets darin. Das verhindert, dass der Fisch in der Pfanne klebt. Überschüssiges Mehl abklopfen und ab in die Pfanne mit den Filets. Je nach Dicke brauchen die Filets ca. 3 Minuten je Seite, das Ergebnis sollte leicht gebräunt aussehen und innen noch ganz leicht glasig sein.

Das Finale: Filets mit Kartoffelsalat auf Plastiktellern anrichten, mit Schnittlauch-Crème fraîche belöffeln und: Mahlzeit! Das haben Sie sich verdient!

Korrespondierende Getränke: Ein lokales Pils passt, auch gegen die abendliche Sommerglut. Ein trockener Weißwein mit guter Säure und Mineralität wäre die adäquate Wahl. You’re a lucky man, sollten Sie das Cuvée Sachsen weiß von Schloss Wackerbarth bekommen!

Die Mucke zum Festessen: „Ja, mia sam mit dem Radl da“ von den Hot Dogs. Muss sein. Oder etwas von Freddy Quinn.

Campingpark Zuruf
Seestr. 38d
19395 Plau am See
Tel.: 038735 45878

Laden der Müritzfischer
direkt am Anleger der Fahrgastschifffahrt
19395 Plau am See

Wenn Du mich liebst …

… dann gibt mir Wurst! Ein Zitat – nicht ganz korrekt, aber es passt perfekt zu unserer ersten Urlaubsadresse. Eigentlich lautet es „Wenn Du mich liebst, dann gibt mir Schnaps“. Und ist eine Textzeile aus dem Lied „Ich will Schnaps“ der Wiener Band Wanda.

Wir sind aber nicht in Wien, sondern stehen in Kassel vor dem Geschäft des Metzgers Dieter Rohde. Auch wieder nicht ganz korrekt: Wir stehen vor dem Eingang der Feinkost Fleischerei Rohde – Die Wurstmanufaktur. Der Pforte zum Paradies.

So siehts aus , im Paradies. Das ist allerdings nur ein kleiner Ausschnitt.

So siehts aus, im Paradies. Das ist allerdings nur ein kleiner Ausschnitt.

Heutzutage schimpft sich ja allerhand Manufaktur, auch solche, nennen wir sie „Einrichtungen“, die nix mit Manufaktur zu tun haben. Also mit handgemachten, nicht industriellen Spezialitäten. Ein Beispiel? Geben sie bei google den Begriff „Fischmanufaktur“ ein und staunen Sie über die Suchergebnisse!

An dieser Stelle ist ein kleiner Exkurs in die Geschichte notwendig. Manufaktur = „großbetriebliche Warenproduktion vor der Industrialisierung (Blütezeit zwischen 1780 und 1820). In den Manufakturen wurden überwiegend Massenprodukte (Textilien, Glas, Draht- und Metallwaren)hergestellt. Als Produktionsform wurde die Manufaktur von der Fabrik abgelöst, die sich v.a. durch den erheblich höheren Einsatz von Maschinen auszeichnet“. So Prof. Dr. Kai-Ingo Voigt in der online-Version des Gabler Wirtschaftslexikons vom 07.09.2015. Die hohe Ausschussquote der Manufakturen und der ersten Fabriken war dann übrigens der Auslöser für die Gründung des VDI – Verein deutscher Ingenieure. Und der Grundstein für die fortwährende Optimierung der deutschen Güter zu immer besserer Qualität. Und der Niedergang der richtigen Handwerkskunst. Soweit also die Historie.

Die Wurstmanufaktur des Meister Rohde verdient ihren Namen allerdings so richtig. Hier treffen sich alte Handwerkskunst (Warmfleischverarbeitung) und altes Prozesswissen zu etwas, das mit dem Namen „Ahle Worscht“ nur unzulänglich beschrieben. Ahle Worscht, das ist eine gereifte Wurstspezialität ohne Zusatzstoffe (fragen Sie einen beliebigen Metzger mal nach „Kutterhilfsmittel“), hergestellt aus einer alten Schweinerasse, einer fetten Sau der Marke Bunte Bentheimer, und unter Zuhilfenahme einer ganz wichtigen Zutat, nämlich Zeit. Das Ergebnis ist eine Wurst mit einem unglaublich mürben Innenleben, einem feinen Fett- und Fleischgeschmack, bis zu 2 Jahre gereift. Zwei Jahre! Keine maximal 15 Tage, wie es die heutigen sog. „Wurstmanufakturen“ praktizieren. Und diese Wurst kann man mit Brot … muss aber nicht.

Aber der Dieter Rohde hat noch mehr so Schweinereien in petto. Wir luden unsere Kühlbox für die kommenden Campingtage voll mit Ahle Worscht, Lardo vom Mangalitza-Schwein, einer weiteren, hausgemachten Salami und gekochtem Schinken. Um die schwere Packung bis zum Auto zu bekommen, gab’s dann noch zwei Semmeln mit Zwiebelmett auf die Faust. Das musste so sein, auch wenn das Frühstück gerade mal eine Stunde zurück lag. Wir waren gerüstet für die Fahrt nach MeckPomm. Noch eine Tüte gemischtes Kleingebäck für unterwegs und wir waren wieder auf großer Fahrt. Bis die beste Ehefrau von allen nach nicht einmal eineinhalb Stunden leise vor sich hin summte: „Wenn Du mich liebst, gib mir Wurst!“.

Die Musik zur Brotzeit: Naturalmente das Album „Amore“ von Wanda. Wahlweise geht auch die „Brotzeit-Polka“ von Gerd und Walter Fitz.

Feinkost Fleischerei Rohde – Die Wurstmanufaktur
Frankfurter Str. 77b
34121 Kassel

Mo – Do         06:30 bis 14:00 Uhr
Fr                    06:30 bis 18:00 Uhr
Sa                   06:30 bis 13:00 Uhr

Im Urlaub hamma gwen …

… bedeutet natürlich auf hochdeutsch „Wir waren im Urlaub“. Unschwer zu erkennen, dass wir (zwei Bayern) dort unterwegs waren, wo man angeblich das sauberste Deutsch spricht. Nämlich im Norden.

Mit dem saubersten Deutsch haben wir uns einigermaßen schwer getan, da die Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern (sprachlich okay), Brandenburg (schon schwieriger), Berlin (englisch), Sachsen-Anhalt (Auweia), Sachsen (puuhh!) und Thüringen (grenzwertig) von uns bereist wurden. Sei’s drum: Im Endeffekt haben wir alle verstanden und wurden auch von allen verstanden. Auch wenn wir an einer Berliner Currywurst-Bude die Bestellung „Zwei Currywürscht mit Semme“ wiederholen mussten, da dem Betreiber die gewählte Gebäckform nicht geläufig war. Wir haben uns auf „Schrippe“ geeinigt; allerdings hatte die Schrippe fatale Ähnlichkeit mit einer Baguettesemmel (oder Baguettebrötchen). Und doch ist unsere Erkenntnis des Urlaubs: Mit Bayrisch kommt man überall durch.

Und eine Bemerkung sei noch erlaubt. Deutschland gilt als das Land ohne gutes Essen. Das können wir so jetzt nicht bestätigen. Wir haben allerdings Supermärkte und Kettenrestaurants konsequent gemieden und siehe da, richtig wohl ist es uns ergangen. Wir haben uns also durch die neuen Bundesländer gefressen und getrunken, dass es eine wahre Freude war. U.a. waren wir

  • in Kassel (jaja, ist nicht der Osten, aber von Garmisch bis Rügen ist es halt arg weit für „In-einem-Rutsch-durchfahren“) in der Metzgerei von Meister Dieter Rohde
  • in Plau im Laden der Müritzfischer
  • in der Faszination Stralsund, dem weltmeisterlichen Rum- und Whiskykontor von Horst-Dieter Pohl
  • im Ölmann, einer sehr coolen Strandbude in Altefähr
  • in Schillings Gasthof in Scharprode
  • in Café Zuckerkuss in Wusse
  • in der Rügener Landschlachterei von Marcus Bauermann
  • bei Tim Raue in seinem Sternetempel in Berlin
  • in einem namentlich nichtmehr bekannten japanischen Lokal in Berlin
  • auf Besuch in der Markthalle 9 in Berlin zum Street Food Thursday
  • in Liefelds bei Treuenbrietzen
  • in der Jugendherberge in Plothen, im Land der 1000 Teiche inkl. Fahrt über die Rennstrecke in Schleiz
  • und in Hersbruck, um als würdigen Urlaubsabschluss noch selbst Street Food zu kochen.

Es gibt also in den kommenden Wochen einiges zu lesen auf diesem Blog. Rezepte, Adressen, Eindrücke, Restaurantberichte. Deshalb: Dran bleiben!

Ach ja, fast vergessen, die Musik zum Urlaub. Was nehmen zwei Bayern mit auf große Fahrt durch den Norden und Osten der Republik? „Heimat Sound“ Ausgabe 1 und 2, Reiner von Vielen „Live den Lebenden“, Zwirbeldirn „jabitte“, LaBrassBanda „HabedieEhre“ und – zur Vorbereitung auf Multikultiberlin – Trikont „Our own Voices“. Das fette Soundpaket half vor allem bei der Fahrt durch die Magdeburger Börde bei 36°C.